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Mit den Augen einer Katze

 
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Marina
Gast





BeitragVerfasst am: So 17 Jun 2012 21:43:03    Titel: Mit den Augen einer Katze Antworten mit Zitat

Mit den Augen einer Katze gesehen

Als ich noch ein Kitten – ein kleines Kätzchen- war, unterhielt ich dich mit meinem Herumtollen und brachte dich zum Lachen. Du nanntest mich „dein Baby“, und, obwohl ich einiges kaputt machte, wurde ich doch deine beste Freundin. Wann ich immer etwas „anstellte“, hobst du mahnend den Zeigefinger und sagtest:

„Wie konntest Du nur!?“

Aber schon einen Augenblick später warst du wieder so zärtlich und hast mich eng an dich gedrückt. Als Du im Studium so viel lernen musstest, hattest du natürlich wenig Zeit für mich. Aber ich verstand das immer und spielte mit meinen Bällchen, um dich nicht zu stören.
Ich erinnere mich an all die Nächte, in denen ich mich in deinem Bett ganz eng an dich schmiegte, und das Leben vollkommen schien. Du tolltest dann auch wieder mit mir herum und wir genossen die Sonne gemeinsam auf dem Balkon. Von deinem Frühstück gab es für mich immer etwas vom Schinken; „aber nicht zuviel. Das ist für Katzen ungesund“! Und ich schlief so lange, bis du von der Arbeit nach Hause kamst. Nach und nach verbrachtest du immer mehr Zeit auf der Arbeit als mit mir, um „Karriere“ zu machen. Dann warst du so viel weg, um einen Menschenpartner kennen zu lernen. Ich wartete immer geduldig auf dich, tröstete dich bei jedem Liebeskummer, tapste mit meinen Pfoten deine Tränen vom Gesicht. Und ich freute mich, als du endlich „deinen“ Partner gefunden hattest. Zwar kein Katzenfreund, aber ich respektierte deine Wahl; ich war glücklich, weil du glücklich warst!

Dann kamen nacheinander deine Kinder zur Welt. Ich teilte die Aufregung mit dir. Ich war von den süßen Kindern so fasziniert, dass ich sie bemuttern wollte. Aber du und dein Partner dachten nur daran, dass ich den Kindern schaden... sie gar verletzten könnte. Deshalb wurde ich auch noch aus dem großen schönen Raum ausgesperrt; in dein Bett durfte ich schon lange nicht mehr. Ich liebte die Kinder und wurde „Gefangener der Liebe“. Sie fingen an zu wachsen und ich wurde ihre Freundin. Sie zerrten an meinen Ohren, meinem Fell, meinem Schwanz, hielten sich auf wackeligen Beinen beim Laufen lernen an mir fest. Sie erforschten meine empfindliche Nase mit unbeholfenen Fingerchen, und ich bei all dem ruhig still. Ich liebte alles an den Kindern, besonders ihre Berührungen, weil deine so selten wurden.
Ich war bereit die Kinder notfalls mit meinem Leben zu verteidigen.
Ich war bereit, in ihre Bettchen zu schlüpfen, um ihre Sorgen und Träume anzuhören.
Und zusammen mit ihnen erwartungsvoll auf das Motorengeräusch deines Autos zu hören, wenn Du in unsere Auffahrt einbogst.

Vor langer Zeit als man dich fragte, ob du ein Haustier hättest, zogst du aus deiner Tasche ein Foto von mir und erzähltest so liebevoll von mir. Die letzten Jahre gabst du nur noch ein knappes „JA“ zur Antwort und wechseltest dann das Thema. Ich war früher „deine Samtpfote“ und bin heute „nur noch eine Katze“.

Dann hattet ihr eine neue Karrieregelegenheit in einer anderen Stadt. Du und deine Familie zogen in eine Wohnung, in der Haustiere nicht erlaubt waren. Ein Mann hat euch das extra noch gesagt, und ihr habt ohne zu Zögern unterschrieben. BEIDE!
Du hattest für dich und deine Familie eine Entscheidung zu finden, die aus deiner Sicht bestimmt richtig war
Obwohl einmal ich deine Familie war

Die Autofahrt machte Spaß, weil auch die Kinder mitfuhren. Als ich merkte, wo wir angekommen waren, war der Spaß zu Ende. Es roch nach Hunden und nach meinen Artgenossen, nach Angst und nach Desinfektionsmitteln sowie Hoffnungslosigkeit.
Du fülltest Papiere aus und sagtest, dass du wüsstest, dass man ein gutes Heim für mich findet.
Die beiden Damen hinter dem Schreibtisch zuckten mit den Achseln und betrachteten dich merkwürdig. Sie verstanden die Wirklichkeit, der eine Katze über die „fünfzehn“ gegenüberstand.
Du hattest die Finger deiner jüngsten Tochter aus meinem Fell lösen müssen, während sie weinte und schrie „Nein, nein! Bitte nehmt mir nicht meine liebe Katze weg!“
Ich wunderte mich noch, wie du ihr ausgerechnet in diesem Moment etwas von Freundschaft, Verantwortung und Loyalität vermitteln wolltest. Zum Abschied tipptest du leicht auf meinen Kopf, vermiedest dabei tunlichst mir in die Augen zu sehen und lehntest es höflich ab, meine offen daneben stehende Transportbox wieder mitzunehmen. Du hattest einen wichtigen Termin einzuhalten, nun habe ich auch einen.
Kurz nachdem du weg warst, sagte eine der netten Damen, du hattest mit Sicherheit schon Monate vorher vom Umzug gewusst und somit wäre Zeit gewesen, einen guten Platze für mich finden. Sie schüttelten bedrückt den Kopf und fragten leise:

„Wie konntest du nur ?!“

Die Damen widmeten sich uns, wann immer es ihre Zeit zuließ. Wir bekamen gute und reichliche Mahlzeiten, aber ich verlor meinen Appetit schon vor vielen Tagen. Anfangs hoffte ich unentwegt, dass du eines Tages zurückkommen und mich hier rausholst. Wünschte mir, dass alles nur ein böser Traum war und ich eines Tages aufwache.... bei dir zu Hause...
Aber du kamst nie. Und wann immer jemand an „meinem“ Vermittlungskäfig vorbei ging, presste ich bittend meine Pfoten durch jeden möglichen Spalt.
Gab es niemanden, der mich mochte? Niemanden, dem ich all meine Liebe, Dankbarkeit und zärtliche Treue schenken durfte? Die Wahrheit war, dass ich es nicht mit den süssen kleinen, knuddeligen Katzenkindern aufnehmen konnte. Unbeachtet, von allen übersehen und vergessen, zog ich mich in eine Ecke zurück und stand nicht mehr auf.

Eines Tages, am Nachmittag, hörte ich Schritte. Man hob mich auf, trug mich über einen langen Korridor, der in einem Raum mündete. Was war ein seeliger und ruhiger Raum. Die Frau legte mich auf den Tisch, streichelte behutsam über meinen Kopf und erklärte mir, dass ich mich nicht sorgen solle. Mein Herz schlug voller Erwartung auf das, was nun kommen sollte.

Gleichzeitig hatte ich ein Gefühl des Loslösens. Mir, der Gefangenen der Liebe, gingen die Tage aus. Ich war mehr um die nette Frau besorgt als um mich selbst. Ich erkannte, dass sie an einer Last tragen musste, die Tonnen wog.

Sie band leicht etwas um meine Vorderpfote, während eine Träne ihre Wange hinunter kullerte. Ich schob meinen Kopf in ihre Hand, so wie ich es immer bei dir getan hatte, um dir meine Liebe zu zeigen. Ich spürte einen leichten Einstich und eine kühle Flüssigkeit, die in mich hinein floss. Ich streckte mich schläfrig aus, schaute dabei in die freundlichen Augen der Frau und murmelte:
„Wie konntest Du nur?“
Möglicherweise verstand sie mein leises Miauen, denn sie sagte: „Es tut mir leid!“ Sie umarmte mich hastig und erklärte, dass es ihr Job sei, mir einen besseren Platz zu verschaffen, wo ich nicht missbraucht, ignoriert und verlassen sein würde. Einen Platz, an dem ich mich nicht verkriechen müsse, einen Platz der Liebe und des Lichts der so anders sei als auf Erden. Mit einem letzten Funken Energie öffnete ich weit die Augen und sah sie unverwandt an, versuchte ihr so zu sagen, dass mein „wie konntest du nur?“ nicht an sie gerichtet war.

Ich dachte an dich, du mein geliebter Mensch. Und ich werde immer an dich denken und auf dich warten.

Mein letzter Atemzug ist mein Wunsch, dass dir in deinem Leben immer diese Loyalität widerfahren möge,
die mir verweigert worden war....
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Verfasst am: So 17 Jun 2012 21:43:03    Titel: Ähnliche Themen



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